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  • Nina

Von Flaschenhälsen und genetischer Vielfalt

Biodiversität wird oft als Artenvielfalt beschrieben, doch die Biodiversität umfasst noch weitere Ebenen wie zum Beispiel die Vielfalt der Ökosysteme oder die genetische Vielfalt. Die genetische Vielfalt beschreibt, wie unterschiedlich die Gene innerhalb einer Population sind. Bei grossen Populationen gibt es üblicherweise eine grosse genetische Vielfalt (wie zum Beispiel bei uns Menschen), während sich Individuen in kleinen Populationen genetisch oft sehr ähnlich sind. Bei zu geringer genetischer Vielfalt sind Populationen anfälliger für Infektionskrankheiten und haben eine verminderte Anpassungsfähigkeit, wenn sich Umweltbedingungen verändern.


Wenn sich grosse Populationen stark verkleinern, kommt es zu einem sogenannten Flaschenhals-Effekt. Stell dir eine Flasche vor, die mit verschiedenfarbigen Kugeln gefüllt ist. wobei jede Kugel für ein genetisches Merkmal steht. «Giesst» man nun ein paar Kugeln aus der Flasche und verkleinert somit die Population, kann es sein, dass in der neuen Population einige Kugeln nicht mehr vorkommen - die neue Population hat an genetischer Diversität verloren.



Genau dieser genetische Flaschenhals-Effekt passiert häufig bei bedrohten Arten, deren Populationen sich stark verkleinert haben. So leiden sie zusätzlich zu Bedrohungen wie dem Verlust des Lebensraumes unter verringerter genetischer Diversität. Dies kann zum Beispiel beim Steinbock in den Alpen beobachtet werden.


Im 18. Jahrhundert wurde der Steinbock durch die Jagd fast ausgerottet und nur etwa 100 Individuen haben im heutigen Gran Paradiso in Italien überlebt. Für ein Wiederansiedlungsprogramm wurden 88 Steinböcke gestohlen und auf vier Schweizer Zoos verteilt, wovon später kleinere Gruppen wieder ausgesetzt wurden. Dadurch wurde die Population mehrfach stark verkleinert und die Population erlebte verschiedene solcher Flaschenhälse. Alle heute in der Schweiz lebenden Steinböcke stammen von den ursprünglich etwa 100 Tieren ab! Verschiedene Populationen leben grösstenteils isoliert voneinander, weshalb es kaum genetischen Austausch gibt und Steinböcke unter tiefer genetischer Vielfalt leiden. Um diesen Zustand zu verbessern, versuchte man Populationen zu mischen; beispielsweise hat man Steinböcke aus dem Wallis in die Region des Pilatus gebracht.


Ähnlich erging es dem Wisent. Früher war er in Grossteilen Europas verbreitet und streifte über Wiesen und durch Wälder. Durch die Jagd wurde auch der Wisent fast ausgerottet und nur zwei Populationen überlebten. Nach dem ersten Weltkrieg überlebten im polnischen Białowieża Wald noch rund neun Wisente, welche dann in Zoos gehalten wurden. Zusammen mit überlebenden Tieren aus anderen Gebieten bestand die globale Population noch aus zwölf Tieren, welche die Grundlage für ein streng überprüftes Zuchtprogramm bildeten. Die Herkunft jedes Wisents wird seit 1923 genau überprüft und im Europäischen Wisent-Abstammungsbuch festgehalten. Somit können ideale Paarungen identifiziert werden, um die genetische Vielfalt zu maximieren.


Diese Vorgehensweise bildet die Grundlage für heutige Zuchtprogramme in Zoos zum Erhalt von gefährdeten Arten und deren genetischer Vielflat. 1952 wurden im Białowieża Wald wieder Wisente ausgesetzt; heute werden in verschieden Gebieten wieder Herden angesiedelt und es leben mittlerweile rund 6000 Wisente in Europa. Doch alle diese Tiere stammen von den zwölf überlebenden Wisents ab, und es wird sich zeigen, ob sich die genetische Vielfalt wieder erholen kannn.

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