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  • Nina

Kolibris in Europa? Taubenschwänzchen und die konvergente Evolution


Kürzlich haben wir auf einer kleinen Wanderung im Jura auf einer wunderschönen Blumenwiese meinen Lieblingsfalter entdeckt: das Taubenschwänzchen. Seine Form und Flugverhalten erinnern stark an einen Kolibri, doch trotz der äusserlichen Ähnlichkeit sind Taubenschwänzchen keine nahen Verwandten des in Amerika heimischen Kolibris.


Taubenschwänzchen gehören als Schwärmer zu den Nachtfaltern, sind aber im Gegensatz zu anderen Arten tagaktiv. Als Wanderfalter kommen sie immer wieder aus dem Mittelmeerraum nach Mitteleuropa. Dabei legen sie Strecken von über 2000 Kilometern zurück und überqueren die Alpen! Eine weitere Besonderheit ist auch, dass sie als voll entwickelte Falter überwintern. Da sie nicht resistent gegen Frost sind, sind sie auf milde Winter im Süden angewiesen. Durch die Klimaerwärmung ist es ihnen jedoch immer mehr möglich, nördlich der Alpen zu überwintern und nicht in den Mittelmeerraum zurückzukehren.


Seinen Namen hat das Taubenschwänzchen von seinem breiten, schwarz-weiss gezeichneten Hinterleib, der einem Federschwanz ähnelt. Die scheinbaren Federn sind jedoch verlängerte Schuppen, mit deren Hilfe das Taubenschwänzchen steuern kann und wie ein Kolibri vor den Blüten schwebt. Mit seinem bis zu 3 Zentimeter langen Saugrüssel kann es dabei im Schwirrflug Nektar saugen. Durch den Schwirrflug kühlt einerseits die Flugmuskulatur nicht ab, und andererseits muss das Taubenschwänzchen sich nicht zu nahe an eine Blüte wagen, um eine mögliche Beute für eine Krabbenspinne zu werden. Im Schwirrflug schlagen die Flügel bis zu 90 Mal in der Sekunde; um den hohen Energiebedarf zu decken, trinkt ein Taubenschwänzchen täglich etwa 0,5 Milliliter Nektar, was für einen Menschen etwa 110 Liter Süssgetränke entsprechen würde.


Ein weiteres faszinierendes Merkmal sind die Augen der Taubenschwänzchen, welche wie die Augen der Mona Lisa den Eindruck vermitteln, dass sie uns immer Folgen, wenn wir uns um sie bewegen. Sie sind sind wie bei anderen Insekten als Facettenaugen aufgebaut, wobei jede Facette eine Linse und mehrere Fotorezeptoren aufweist. Somit können sie in verschiedene Richtungen gleichzeitig sehen, jedoch nicht so detailliert wie wir Menschen. Der dunkle Fleck, die sogenannte Pseudo-Pupille, welche einem zu folgen scheint, sind die Facetten, die am meisten Licht absorbieren. Wenn man sich um das Taubenschwänzchen bewegt, scheint dieser Fleck sich zu mitzubewegen; tatsächlich sieht man aber nur andere Facetten.


Aber wieso sehen sich Kolibris und Taubenschwänzchen so ähnlich? Diese Phänomen nennt man konvergente Evolution bzw. eine Analogie. Dies bedeutet, dass verschiedene Arten dieselbe Lösung für ein evolutionären Problem gefunden haben, ihre gemeinsamen Vorfahren diese jedoch nicht aufweisen. Somit haben verschieden Tiergruppen unabhängig voneinander dasselbe Merkmal entwickelt, wie zum Beispiel den Schwirrflug von Taubenschwänzchen und Kolibri. Das Entscheidende dabei ist die Funktion des Merkmals, also die Möglichkeit, an Nektar zu kommen. Nicht nur der spezifische Schwirrflug, sondern auch die generelle Flugfähigkeit bei Vögeln, Fledermäusen, Insekten und bei früheren Flugsauriern hat sich unabhängig entwickelt. Durch diese Entwicklung haben die Flügel zwar dieselbe Funktion, sind aber unterschiedlich aufgebaut.




Weitere Beispiele sind die ähnliche Form von Delfinen und Fischen, der opponierbare Daumen bei Opossums und Primaten, oder Stacheln bei Igeln und Stachelschweinen. Den Gegensatz zu solchen Analogien bilden sogenannte Homologien: homologe Merkmale sind sich ähnlich aufgrund der Abstammung. So beispielsweise die Struktur von Handknochen bei verschiedenen Säugetieren, welche aufgrund eines gemeinsamen Vorfahren ähnlich sind.


Tipp: Wer Taubenschwänzchen bei sich im Garten oder auf dem Balkon beobachten möchten, pflanzt Blumen mit Blütenkelchen wie Sommerflieder, Geranien, Storchenschnabel, Phlox, Wandelröschen, Ziertabak, Lavendel, Gelenkblumen, Lichtnelken, Salbei oder Petunien.


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